Die Band rund um Frontmann Serj Tankian, alle US-Amerikaner armenischer Abstammung, tourt derzeit unter dem Motto #WakeUpTheSouls durch die Welt und bringt dabei nicht nur großartigen Gitarrensound mit, sondern hat auch eine ganz besondere Message zu verkünden.

Erstaunlich facettenreich war das Publikum am 14. April 2015 in der Kölner Lanxess-Arena: Metalheads mit Szenekutten gaben sich mit gewöhnlich gekleideten Menschen fast aller Altersgruppen die Klinke in die Hand. Recht ungewöhnlich für das durchschnittliche Publikum bei Alternative-Metal-Konzerten. Die Stimmung vor der Konzerthalle war ausgelassen, die meisten tranken noch ein paar Bier und waren scheinbar froh, noch eine Karte ihrer Lieblingsband erwischt zu haben. Schließlich ist es ja nicht allzu lange her, dass SOAD sich eine mehrjährige Pause gönnten und gar nicht klar war, ob sie überhaupt nochmal auf Tour gehen würden. Zu sehen waren sie in Deutschland in den vergangenen Jahren nur auf einigen wenigen Festivals; das Konzert in Köln zudem der einzige Deutschlandtermin ihrer aktuellen Tour.

In den Köpfen der Menschen etwas verändern

Mit entsprechender Vorfreude ging es los, die Halle füllte sich und mit kurzer Verspätung fing das Programm an – doch anders als erwartet. Wer SOAD ein bisschen kennt, weiß, dass es sich um keine unpolitische Band handelt. Spätestens Songs wie „Boom!“ oder „BYOB“ (Bring Your Own Bomb) als ihre größten kommerziellen Erfolge trafen offen politische Statements und kritisierten vorwiegend die kriegerische Außenpolitik imperialistischer Länder wie die der USA. Erstaunlich konsequent war es dann, dass das Publikum anstatt mit einem brachialen Opening mit einem Eröffnungsfilm konfrontiert wurde – einem Film, der in animierter Cartoon-Optik über einen der größten Völkermorde in der Geschichte des Osmanischen Reichs um 1915/16 erinnerte: den Völkermord an den Armeniern.

Damals gab es innerhalb des Vielvölkerstaates des Osmanischen Reiches eine Reformbewegung, die ein vereintes Osmanisches Reich unter türkischer Führung durchzusetzen versuchte. Auch Deutschland spielte dabei eine Rolle, da das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg gemeinsam mit dem Osmanischen Reich gegen Russland kämpfte. Vielen Angehörigen der armenischen Minderheit im Osmanischen Reich wurde dabei Verrat vorgeworfen: sie hätten insgeheim russische Interessen vertreten. Dies war ein Grund für die türkische nationalistische Reformbewegung, auf das Vorrücken Russlands mit massenhafter Deportation von Armeniern zu reagieren, die auch von Deutschen mitgetragen wurde. Wie die Tagesschau online schrieb, war der Name des damaligen Generalstabschefs der türkischen Streitkräfte Friedrich Bronsart, während der Operationschef des türkischen Heeres auf den Namen Otto von Feldmann hörte. Deutschland habe in dieser Form der Zusammenarbeit eine Chance gesehen, sich mithilfe türkischer Nationalisten als Weltmacht zu etablieren (http://www.tagesschau.de/ausland/armenien-genozid-101.html). Bis heute gibt es eine öffentliche Debatte darum, ob es sich um Völkermord oder „nur“ um eine massenhafte Deportation von Armeniern gehandelt hat. Die Zahl der Todesopfer variiert in den Quellen zwischen 300.000 und 1,5 Millionen. Unabhängig davon, welche Zahl der Wahrheit entspricht, sind das sehr viele Tote.

Imperialismus? Nein danke!

SOAD unterbrachen ihr mehr als zweistündiges Konzert noch weitere zwei Male mit weiteren Kurzfilmen, die auch Bezüge zu aktuellen Kriegen als Folge aggressiver Außenpolitik enthalten haben – so wurde die Rolle Deutschlands und der Türkei im Hinblick auf die Kriegsführung in der Welt herausgestellt und ihre Ursachen entlarvt. Mit ihrer #WakeUpYourSouls-Tour sollen nicht nur die musikalischen Teile der Herzen ihrer Zuhörer erweckt werden. Es soll auch ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass jetzt gerade in diesem Moment, ob im Alltag oder während des abendlichen Konzertbesuches, Kriege aus wirtschaftlichen Gründen geführt werden und Menschenleben vernichtet werden. SOAD nutzen damit ihren hohen Bekanntheitsgrad aus, um für Frieden und gegen imperialistische Kriegsführung zu demonstrieren – und ziehen dabei abertausende Fans mit sich. Wir sagen: Thumbs Up! …und nehmen ein Buch in die Hand, da es sich lohnt, wenigstens hundert Jahre später einmal etwas über einen der größten Genozide der Geschichte zu lesen. Ganz einfach, um zu lernen, wie wir verhindern können, dass so etwas je wieder passiert. Und danach werfen wir die alte „Toxicity“-Scheibe nochmal in den Player!